Neugestaltung der unteren Planie

Was die neuen Infotafeln verraten

 

Es scheint nur eine Kleinigkeit zu sein: Wenn man auf die neuen Infotafeln der Stadt Sindelfingen schaut, die den Weg durch die Stadt weisen sollen, und man den dortigen Stadtplan genauer betrachtet, dann fällt auf, dass die farbig  eingezeichnete Sindelfinger Altstadt kleiner als bisher dargestellt ist. Denn der ganze südöstliche Bereich, der historisch “Burg” genannt wird, wird nicht mehr der Altstadt zugeordnet. Dies hat jemand bewusst entschieden.

Nun wird aber offiziell eine Neuordnung genau dieses Bereichs angepackt. Bürgerinnen und Bürger erhoffen sich dabei auf ihre optimistisch naive Art, dass die Stadtverwaltung bei der Gestaltung dieses einst malerischsten Ecks der ummauerten Stadt Sindelfingen die dortigen historischen Aspekte nicht vergisst. Die Überlegung dabei ist: Bei solcher Neugestaltung geht es einerseits um die Erinnerung an die Vergangenheit unserer Stadt und die damit verbundenen ästhetischen Bilder, andererseits aber auch um einen sehr wichtig werdenden zusätzlichen Aspekt: In Zeiten, in denen Städte ihren Bürgern erhebliche Streichungen zumuten müssen, liebgewordene soziale und kulturelle Strukturen bröckeln, ein nettes kleines Hallenbad wie das im Klostergarten zum Beispiel nicht mehr aufrecht erhalten werden kann – in diesen Zeiten muss eine Stadt intensiv daran arbeiten, ihren Bürgerinnen und Bürgern trotz dieser Entwicklung  emotionale Werte und damit eine Sinngebung anzubieten, die bewusst Identität mit der eigenen Stadt aufrecht erhält – und damit einen Zusammenhalt in schwierigen Zeiten.

Die Schaffung einer malerischen Szenerie durch den bewussten gestalterischen Zugriff auf die eigenen historischen Strukturen  ist eine solche Form – die die Blicke schweifen lässt, sich als ein wirksames Bild einprägt, das auch historische oder kulturelle Inhalte umfasst. Denn Heimat- und Identitätsgefühle brauchen konkrete Bilder, um lebendig zu bleiben, um in der Zukunft einen anerkennenden Rückblick möglich zu machen auf die Gestaltungskräfte vergangener städtischer Zeiten. Im erwähnten augenblicklichen Gestaltungsprozess ist allerdings ein solches bewusstes Angebot für die heutige Zeit und damit auch für zukünftige Generationen nicht zu erkennen.

Ich finde, dass solche Überlegungen gerade auch für die Gestaltungskriterien der erwähnten “Burg” wichtig sind. Denn nur hier kann die Stadt eine Schnittstelle direkt zwischen dem ältesten Teil der Altstadt und modernem Stadtzentrum schaffen; das Neue mit dem Historischen konfrontieren, neugierig machen und auf die Frage verweisen: Sindelfingen hat viele historische Häuser – hat es auch Geschichte? Und ist diese nicht nur musealisiert, sondern auch im Stadtbild erfahrbar? Kann zum Beispiel die gestalterische Erinnerung an Stadtmauer und Verteidigungsturm an der “Burg” auf eine Grenze verweisen, die die Komplexität früherer Besitzstrukturen ahnen lässt? Wir stellen uns vor, dass hier früher Grenzsteine gestanden sind.

Aber der Blick auf den neuen Altstadtplan auf den Tafeln lässt vermuten, dass die Verwaltung sich all diese Überlegungen nicht öffnen will; denn diesen Bereich zählt sie wohl nicht mehr zur Altstadt und man muss ihn deshalb in seiner historischen Bedeutung auch nicht durchleuchten. Die Altstadt erreicht man – vom Marktplatz über einen zusätzlichen neuen Platz kommend – zukünftig irgendwo auf Höhe der Turmgasse; aber darauf muss man hingewiesen werden, zu erkennen wird es nicht sein. Der historische Merian-Stich mit dem SO-Eck der ummauerten Stadt muss im Stadtmuseum bleiben, denn wäre sein Platz an der unteren Planiestraße, würde er im Anblick der Neugestaltung nur Verwunderung über die Geschichtslosigkeit von moderner Stadtplanung hervorrufen.

Und wir warten nun ab, ob einer weiterer Plan die Altstadt und damit das alte Sindelfingen noch kleiner und noch unbedeutender macht.

Klaus Philippscheck

Wir alle sind die Stadt

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